Interviews

  
Gothic Magazin
21 / 1993

EXPLIZIT EINSAM - EINSAMKEIT ZUR KUNSTFORM ERHOBEN

EXPLIZIT EINSAM machen einen großen Schritt zurück und ergründen das Geheimnis um diejenigen Elemente der Musik, die für Existenzialismus, Daseinsangst und Einsamkeit stehen. Die Texte sind nackt und bar jeder Wärme und jedes Gefühls vorgetragen, dafür experimentiert Andreas Jürgen Ohle, der für EXPLIZIT EINSAM steht, mit Echo-Effektprozessoren. Untermalt mit metronomgleichen Beats und Melodien, die diese Bezeichnung kaum mehr verdient haben, erinnert seine Musik an nicht vorher Dagewesenes und strebt eine möglichst minimalistische Struktur an. Inspritiert sieht sich Ohle von Formationen wie GOETHES ERBEN, eifert ihnen aber nicht nach, sondern fühlt sich eher dazu veranlaßt, ihre ursprünglichen Denkansätze neu zu intepretieren. Sein aktuelles Tape DAS TRAUMA spricht mit musikalischer Unvollkommenheit eine ehrliche und gefühlsbetonte Sprache. Die Sprache die Ohle für seine Texte gewählt hat, ist gemäß der von ihm selbst zitierten Herkunft deutsch und ebenso minimal, wie seine Musik. Ich sprach mit ihm über die Entwicklung, die zu dieser Musik führte.

GOTHIC: In Eurem Bandinfo steht nachzulesen, daß EXPLIZIT EINSAM von Bands wie GOETHES ERBEN und LACRIMOSA inspiriert wurden. Würdet Ihr Euch selber in diese Richtung einordnen?

Ohle: Unsere Musik ist eine bestimmte Richtung einzuordnen ist schwierig. Wir sind sicherlich von diesen Bands stark beeinflußt worden. Themen, die sich mit dem Tod oder zwischenmenschlichen Beziehungen beschäftigen haben große Bedeutung für uns. Dennoch versuchen wir nicht einfach nur andere Bands dieser Musikrichtung nachzuahmen, sondern einen eigenständigen Weg zu gehen.

GOTHIC: Bei EXPLIZIT EINSAM überwiegt an Bedeutung ja zweifelos das Wort. War es von Anfang an beabsichtig, die Musik deart minimal zu halten?



Ohle: Sicher stimmt es, daß bei bei EXPLIZIT EINSAM das Wort überwiegt. Auch die minimalistischen Klangstrukturen unseres ersten Demos sind unverkennbar. Es war ein Experiment, zu sehen wie weit man Musik vereinfachen kann, ohne daß hierbei eine gewisse Grundstimmung verlorengeht. Mittlerweile bewegen wir uns jedoch von dem auf DAS TRAUMA praktizierten Minimalismus fort - unsere neuen Lieder sind sehr klassisch angelegt.

GOTHIC: Duch die sehr sparsame Bearbeitung mit Effekten (alleine ein Delay in verschiedensten Variationen zu hören) wirkt Euer Debut DAS TRAUMA sehr kalt und technologisch. In welcher Umgebung lebst Du, die eine solche Stimmung hervorruft?

Ohle: Lange Zeit lebte ich in einer Hochhaussiedlung in der näheren Umgebung von Köln - mit all den Problemen, die eine solche Gegend mit sich bringt. Die Menschen dort leben sehr anonym. Keiner kannte den anderen, wollte etwas von ihm wissen. So ist es durchaus möglich, daß sich die dort erfahrenen menschliche Kälte heute in DAS TRAUMA wiederspiegelt.

GOTHIC: Du, Andreas, machst nun seit einem Jahr Musik mit EXPLIZIT EINSAM. Könntest Du die Anfänge Deiner Arbeit beschreiben? Ich könnte mir vorstellen, daß Du damals noch noch mehr alleine Deine Emotionen in sehr einfache Tonfolgen gesteckt hast...

Ohle: Mit 17 Jahren kaufte ich mir ein Samplerkeyboard. Ich war sehr überrascht von den technischen Möglichkeiten. In dieser Phase entstand unter dem Projektnamen "Sunburned/Lonesome Truesome" eine erste MC. Das war so Mitte 1991. Die Musik war damals sehr avantgardistisch und ohne Gesang. Langsam entstand daraus dann EXPLIZIT EINSAM.

GOTHIC: Kannst Du Dir vorstellen, was ein fremder Mensch fühlt, der Deine Musik hört? Inwiefern beachtest Du das, wenn Du neue Stücke ausarbeitest?

Ohle: Es ist immer schwer zu sagen, wie andere Menschen auf die eigene Musik reagieren, was sie empfinden, fühlen und denken. EIn Fremder kennt schließlich nicht ie Gefühle und Emotionen, die der Musiker selber damit verbindet. Jede Art von Musik beeinflußt ihre Hörer und deren Stimmung. Gerade in der Gothic-und Wave-Szene ist das der Fall. Die Gefahr liegt darin, wenn der Hörer sich die Musik zu sehr einnimmt. Ich denke mit unserer Musik sollte man sich kritisch auseinandersetzten und für sich selbst eigene Erkenntnisse daraus gewinnen. (...)

Gothic: Zelebral Tapes wurde wahrscheinlich auch gegründet, um Explizit Einsam weiterzubringen. Welche Pläne hast Du mit dem Label?

Ohle: Im Moment befinden wir uns noch in der Aufbauphase. Derzeit sind wir auf der Suche nach jungen innovativen Indie-Bands. Wir sind auch schon fündig geworden. So wird seit Dezember letzten Jahres eine MC der Kölner Wave-Band INNVERVOICE bei uns vertrieben. Desweiteren sind Tapeproduktionen mit REPROACH, BUZZER und RAGING WATERS geplant. Neben den eigenen Tapeproduktionen wollen wir auch Tapes anderer interessanter Indie-Bands, sie sonst kein Forum hätten über Mailordering vertreiben. Natürlich wird es auch Ende des Jahres von Explizit Einsam etwas neues geben, wobei wir die Möglichkeit einer CD ins Auge fassen. Aber es ist eigentlich noch zu früh darüber zu sprechen.

GOTHIC: Wie wird der erste Sampler von ZELEBRAL TAPES aussehen?

Ohle: Auf dem ZELEBRAL SAMPLER VOL.1 werden voraussichtlich 18 Bands aus der Gothic, Wave und Techno-Szene vertreten sein, so z.B. BABYLON WILL FALL, EGGS WHY SAD?, PP?, REVENGE OF THE NEPHTHYS, MESZADA und TAKE CARE OF YOUR RED GUITAR. Die Laufzeit des Samplers ist 90 Minuten. Ich denke es wird ein abwechslungsreicher Tapesampler auf dem für jeden, der Indie-Musik mag, etwas zu finden sein wird.

Das Interview führte: JÖRG KLEUDGEN